Komfortzonen – ein Interview mit meinen Mitbewohnerinnen

Ich möchte euch meine Mitbewohnerin Lilli vorstellen. Das blonde Geschöpf mit blauen Augen und einer überraschend tiefen Stimme wohnt nun seit fast einem halben Jahr mit mir und einer weiteren Freundin zusammen und musste für diesen Artikel herhalten. Dabei ist ein außerordentlich gutes Gespräch entstanden, das auch über den Zweck der Recherche hinausging. Es verlief ungefähr so:
Wir sitzen also auf Lillis Sofa und quatschen. Während ich mir eine Zigarette drehe und Lilli an ihrem heißgeliebten schwarzen Tee nippt, frage ich sie
F: Was sind für dich Komfortzonen und wie bist du über sie hinausgewachsen? Geht das überhaupt?
L: Wieso zur Hölle fragst du mich sowas?
F: Unizeitung.
L: Ahja. Okay, gib mir ne Sekunde.
Ich gebe ihr also eine Sekunde und wir setzen uns auf unseren Balkon.
L: Also gut. Klassischerweise musste ich bei Komfortzonen direkt mal an Zuhause denken. Gewohntes Umfeld, gewohnte Menschen und Kreise, in denen man schon ein gewisses Standing hat – ob gut oder schlecht sei jetzt mal dahingestellt. Dem wollte ich nach meinem Abi bewusst entkommen und bin dann nach Asien gereist. In den fast zwei Jahren unterwegs habe ich natürlich unglaublich viel erlebt und neue Menschen kennengelernt. Die eine oder andere Erfahrung war nicht immer schön, aber unterbewusst bin ich gerade dadurch, beziehungsweise daran gewachsen.
F: Würdest du sagen, dass sich dadurch deine Persönlichkeit verändert hat?
L: Meine Persönlichkeit hat sich nicht direkt verändert, ich bin immer noch dieselbe Lilli wie vor zwei oder drei Jahren. Ich liebe Schwarztee, gute Musik und mache immer noch dieselben Dinge; das wird sich auch nicht ändern, egal wo ich bin.
Aber ich würde sagen, ich trage mich anders in die Welt. Ich habe andere Ansichten entwickelt, klarere Ansichten, die mich bewusst von meinem „alten Ich“ abgrenzen. Und ich nehme mich und meine Wirkung anders wahr – ich weiß mehr zu schätzen, was ich habe und brauche deswegen auch weniger. Grob gesagt hat sich also nicht meine Persönlichkeit verändert, sondern meine Herangehensweise an andere Menschen, an Probleme und an das Leben selbst.
F: Du sprichst viel davon, wie gewinnbringend das Verlassen deiner Komfortzone war. Gab es auch Momente, die dir Angst gemacht haben?
L: Ich glaube schwierig wurde es ab dem Zeitpunkt, an dem ich gemerkt habe, wie brüchig meine alte Komfortzone doch eigentlich war. Also quasi das „Nachhause-Kommen“, nachdem man intensiv über mehrere Monate hinweg ein eigenständiger Mensch geworden ist und neue Erfahrungen gesammelt hat. Wie sollte ich meine neuen Erfahrungen, mein „gewachsenes Ich“ in mein altes Umfeld eingliedern, ohne selbst daran kaputt zu gehen? Ohne den Menschen, die mir lieb sind, das Gefühl zu vermitteln, alles falsch zu machen? Das war und ist definitiv noch eine Herausforderung, der man sich aber meiner Meinung nach stellen muss, um weiterzukommen.
Kleiner Disclaimer: An diesem Punkt sind Lilli und ich völlig abgeschweift auf gesellschaftliche Prämissen und Nagellack. Aber gut, dass ich noch eine zweite Mitbewohnerin habe!
Von nun an lest ihr von Miri. Sie studiert wie Lilli und ich PSS in Würzburg und hat das letzte Jahr in Ghana verbracht.
Auch sie dreht sich erst mal eine Zigarette, während ich mir neue Fragen überlege.
F: Welcher Schritt aus deiner Komfortzone „Zuhause“ war für dich größer – der nach Ghana oder der nach Würzburg?
M: Man kann das ganz schlecht vergleichen, weil Ghana wie eine andere Welt für mich war und ich mich im Voraus bewusst darauf vorbereiten konnte – wohingegen die Entscheidung, nach Würzburg zu gehen, sehr spontan war, weil ich vergessen habe, mich damit auseinanderzusetzen, was ich tue, wenn ich wieder in Deutschland bin. Ich habe den ersten Studiengang gewählt, der mich interessiert hat und die Stadt ausgesucht, die nicht zu weit weg von Zuhause ist, aber nicht nah genug, um jedes Wochenende nach Hause zu fahren.
F: Welche Ängste und Sorgen haben dich bei deinem Umzug nach Würzburg begleitet? Fast völlig spontan einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen, kann dann doch auch gruselig sein.
M: Ähm. Schwierige Frage. Ich hatte natürlich Angst davor, was passieren würde, wenn ich mich hier nicht wohlfühle oder wenn der Studiengang doch nichts für mich ist. Das ist immer das Risiko an spontanen Entscheidungen: Man weiß nicht, was auf einen zukommt und demnach auch nicht, wie man handeln könnte.
F: Der Umzug war dann quasi dein endgültiges Verlassen deiner alten Komfortzone. Hat dich das verändert?
M: Will ich doch hoffen!
F: Wie definierst du überhaupt Komfortzonen?
M: Früher war meine Komfortzone mein Zuhause. Mittlerweile hat sich der Begriff für mich ausgeweitet. Ich habe für mich herausgefunden, dass Komfortzonen keine vier Wände haben müssen; ich finde Komfortzonen in vielen Dingen und Menschen. Meinen Mitbewohnern, meinem Job und Kollegen und meinen Lieblingsorten. Ich stehe seitdem vielen Dingen offener gegenüber. Ich bin selbstsicherer geworden und ich denke, dass das der erste kleine Schritt im langen Prozess des Erwachsenwerdens ist. Ich glaube, Erwachsenwerden ist das Verlassen deiner Komfortzone.
Nach den beiden Gesprächen hatte ich noch Zeit, selbst über das Thema Komfortzonen nachzudenken. Auch für mich war und ist meine erste Komfortzone mein Zuhause, das ich aber verlassen musste, um herauszufinden, was ich will. Ob ich überhaupt in eine andere Stadt ziehen muss, um erwachsen zu werden oder ob meine Heimat dafür völlig ausreicht.
Und natürlich hatte auch ich unfassbar große Angst vor dem, was passieren könnte, wenn Würzburg nicht zu mir passen würde.
Die ersten Wochen und Monate waren aufregend, gruselig und oft einsam. Mit der Zeit habe ich viele neue Menschen kennengelernt, Freundschaften geschlossen und Beziehungen beendet. Das
„daran Wachsen“ passierte ganz unmerklich nebenbei.
Erst durch das Zurückblicken auf die letzten sechs Monate ist mir aufgefallen, wie sehr ich mich verändert habe. Genau wie Lilli bin auch ich noch dieselbe, aber irgendwie anders. Ich bin mehr ich selbst geworden, ohne überhaupt zu wissen, wer das ist. Aber das gehört wohl zum Erwachsenwerden dazu.
Man muss das Alte verlassen, um überhaupt zu wissen, ob einem das Neue gefällt. Mir gefällt das Neue, also mein jetziges Leben, definitiv nicht immer. Es gibt Tage, an denen ich mich nicht mit Stromrechnungen, Arbeitsplänen und Klausuren beschäftigen will und viel lieber wieder 14 Jahre alt wäre – als mein einziges Problem war, mit welchen Schuhen ich dem süßen Typen aus der Paraklasse wohl eher auffallen würde.
Aber dann schaue ich mich um und sehe all die wunderbaren Menschen, mit denen ich diesen aufregenden Trip des Erwachsenwerdens teile.
Ja, Komfortzonen sind gemütlich und das Heraustreten ist anstrengend und manchmal doof und einsam – aber mit den richtigen Menschen an der Seite ist es erträglich und macht fast schon Spaß. Komfortzonen sind für mich also nicht nur Orte, an denen man neue Erfahrungen macht, sondern die Menschen, die sie mit einem machen.