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Ihr oder Ich?

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Felix Thalmann
Felix Thalmann

Ein klarer, eindeutiger Appell ertönt aus dem Munde: „Das geht doch nicht!“; „Das gehört sich nicht!“; „Das darfst du nicht!“. Eine dieser drei Formen könnte wohl durch den Raum schallen, sobald man es wagt, festgesetzte Erwartungen zu missachten. Moralisch überlegen fühlt sich dabei die Person auf der anderen Seite, ist sie doch im vermeintlichen Recht. Eine dieser Situationen, egal in welchem Kontext, ist mit Sicherheit allen von uns – auch fernab der Kindheit – schon einmal widerfahren. Dabei sind Erwartungen an sich nicht prinzipiell etwas Schlechtes. Sie sorgen dafür, dass das gesellschaftliche Leben und Miteinander vereinfacht wird, da jede Person ungefähr weiß, welche Reaktion durch eine gewisse Handlung verursacht wird. Ohne Erwartungen in Form von beispielsweise Gesetzen würde so die blanke Anarchie herrschen und die Existenz eines Staates nicht von langer Dauer sein. Mit Erwartungen kommen also innerhalb einer Gesellschaft vielfältige Assoziationen zum Vorschein, wie etwas sein soll. Oder besser: Wie etwas nicht sein soll. Auf unsichtbare Art und Weise üben sie dabei auf jedes Mitglied einen immensen Druck aus, der zu jeder Zeit spürbar ist. Ihr Nichtbefolgen gleicht dem Überschreiten einer Barriere. Die Gesellschaft als Konstrukteurin von Rollen, die zugeschrieben werden und denen sich jede:r fügen muss.
Ganz so krass scheint es in der Realität dann wohl doch nicht zu sein. Aber der Schein trügt! Von Geburt an finden Zuschreibungen statt, wie sich ein Kind je nach seinem Geschlecht zu kleiden und zu verhalten hat oder sein muss. Welche Farben es mag, welchen Beruf es in der Zukunft ausüben kann, welche Hobbys es haben darf. Aber auch in jeder anderen Lebensphase werden wir mit einer solchen Vielzahl an Rollenzuschreibungen konfrontiert – ob wir wollen oder nicht. Umso schwieriger gestaltet sich das Abstreifen dieser Normen und Erwartungen, vor allem ohne dabei stigmatisiert und ausgegrenzt zu werden. Im Alltag nimmt jede:r zahlreiche Rollen für sich ein. Sei es die Rolle als Student*in, Partner*in, Angestellte:r oder Familienmitglied. In jedem Kontext nimmt das eigene Erscheinungsbild andere Formen an. Unterschiedliche Gewohnheiten in unterschiedlichen Situationen, denen es gerecht zu werden gilt. Hört sich fast wie ein Fulltime-Job an, der nebenbei betrieben wird. Jedes Überschreiten oder Herausfordern gleicht dabei einem Hindernis, das auf Irritation und Verwirrung stößt. Man scheint gefangen in einem weit verzweigten Netz, das uns in die Mangel nimmt und die Bewegungsfreiheit erheblich einschränkt. Die Befreiung ein mühevoller Kraftakt. Eine Barriere, welche den eigenen Weg erschwert. Eine Überwindung, die uns ins Ungewisse führt.
Das Verharren im Gewohnten ein Einfaches. Etwas, das per se nichts Schlechtes sein muss. Es spendet Vertrautheit, Sicherheit, Ruhe. Doch es kann einengen wie ein Korsett. Der Blick sollte um die eigene Achse kreisen. Selbstbestimmt oder fremdbestimmt? Letztlich sind wir alle das Konstrukt unserer Umwelt. Doch es brodelt im Innersten früher oder später. Für dieses oder jenes. Ein Potenzial, das entfaltet oder ignoriert wird. Ein tiefer Antrieb, der in Gang gesetzt wird oder für immer ruht. Die Angst vor der Rechtfertigung, vor dem Anecken, vor den enttäuschten Erwartungen der anderen. Das Erstarren des Körpers zu Gunsten einer zufrieden wirkenden Fassade. Nicht mehr als Maskerade. Was fehlt, ist der Mut. Der Mut, sich seiner selbst im tiefsten Kern bewusst zu werden und sich damit zu identifizieren. Seine eigenen Vorstellungen und Überzeugungen erhobenen Hauptes zu repräsentieren und umzusetzen. Selbstverleumdung hat noch nie zu Glückseligkeit geführt. Grenzen bleiben letztlich so lange Grenzen, bis sie überschritten werden. Was als solche definiert wird, liegt in unserem Ermessen.
Rollen dienen dazu, eingenommen zu werden. Sie beauftragen uns mit Aufgaben und stellen Ansprüche. Sie sind in einem sozialen Kontext eingebettet, funktionieren also nur in Verbindung mit anderen Menschen. Diesen gerecht zu werden, mag manchmal leichter, manchmal schwerer fallen. Doch eines benötigen Rollen umso mehr: Identifikation. Diese kann aus freien Stücken oder aufgefordert geschehen. Anderenfalls sind sie nicht von langer Dauer. Entziehen kann man sich ihnen wahrlich nicht. Doch Identifikation ist etwas, das bewusst betrieben wird. Das bewusste Dafür- oder Dagegen-Sein. Das bewusste Akzeptieren oder Herausfordern. Das bewusste Überziehen oder Abstreifen. Die Gesellschaft hat immer das prüfende Auge ausgerichtet, um gemäß ihrer akzeptierten Normen und Erwartungen zu bewerten. Die Einteilung in Rollen und das Beobachten, wie diese ausgefüllt werden. Doch die Zeit spricht für sich. Sie ist geprägt von Wandel und Unbeständigkeit. Doch wohin wandle ich? Zu mir selbst oder zu euch?

Felix Thalmann
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